Unbekanntes Schloss Blutenburg - die kleine Schwester vom großen Schloss
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Unbekanntes Schloss Blutenburg – vom Liebesnest zur Bücher-Burg

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Das ehemalige Jagdschloss Blutenburg liegt im Westen Münchens, im Stadtviertel Obermenzing. Es ist ein weithin unbekanntes Schloss Blutenburg, zu dem uns eine lang entwickelte Neugier und ein frühherbstlicher Familienausflug führte.

Jagd- und Lustschloss in Menzing

Unbekanntes Schloss Blutenburg - vom Liebesnest zur Bücher-Burg mit Wassergraben
Unbekanntes Schloss Blutenburg – vom Liebesnest zur Bücher-Burg mit Wassergraben

Das spätgotische Bauwerk und die dazugehörige Schlosskapelle Heilige Dreifaltigkeit werden von der Würm umflossen, einem ca. 40 Kilometer langen Fluss und einzigem Abfluss des Starnberger Sees, der bis 1962 Würmsee hieß. Das Schloss ist auch wunderbar gelegen für einen Spaziergang an der Würm.

Schloss Blutenburg war früher durch eine Sichtachse, den so genannten Durchblick, (auch ein Straßenname) mit dem süd-östlich gelegenen Schloss Nymphenburg verbunden, sozusagen die kleine Schwester vom großen Schloss, obwohl das viel später gebaut wurde. Diese Sichtachse ist seit Jahrzehnten durch Bäume zugewachsen, soll aber wohl wiederhergestellt werden.

Ein bisschen Schlossgeschichte

Das Schloss geht auf eine Wasserburg zurück, deren Kern ein Wohnturm war. Die Reste dieses spätgotischen Bauwerks aus dem 13. Jahrhundert wurden erst 1981 im Zuge einer umfassenden Renovierung freigelegt.

Das Liebesnest

Die Anlage wurde 1432 erstmalig schriftlich erwähnt. Damals bestand sie nur aus dem sogenannten Herrenhaus, das von vier Türmen, Mauern und einem Wassergraben umgeben war. Herzog Albrecht III. von Bayern-München ließ die Anlage 1440 zu einem Landsitz ausbauen, veranlasst durch seine Beziehung zu der Baderstochter Agnes Bernauer, mit der er hier lebte. Diese Geschichte ist untrennbar mit der Blutenburg verbunden.

Unbekanntes Schloss Blutenburg - Im Liebesnest - Albrecht III. und Agnes Bernauer
Unbekanntes Schloss Blutenburg – Im Liebesnest – Albrecht III. und Agnes Bernauer

In den folgenden Jahren entstanden unter Albrecht III. der Pfortenbau mit Wehrmauer und Torturm sowie das Wirtschaftsgebäude. In den Jahren 1432 bis 1435 hielt sich Albrecht III. sehr viel in Obermenzing bei der Bernauerin auf.

Am 15. Oktober 1435 stellt der Münchner Stadtschreiber fest, „daß man die Bernawerin gen hymel gefertigt hett“. Nette Umschreibung eines Mordes! Mit dieser Eintragung in die städtische Chronik fand eine Tragödie und Intrige der Wittelsbacher Verwandtschaft ihr Ende.

Albrecht III. und Agnes Bernauer

Albrecht galt als „Liebhaber zarter Frauen“. So schenkte er 1429 nachgewiesenermaßen seinem Hofmeister Jan von Sedlitz 600 ungarische Gulden für dessen Gemahlin. Das war beispielhaft für die Art und Weise, wie damals Liebesaffären adeliger Herren beendet wurden, nämlich, indem die Geliebte gegen entsprechendes „Schmerzensgeld“ zurückgegeben wurde. Albrecht beendete auf diese Weise eine Beziehung, da er kurz zuvor eine andere Bekanntschaft gemacht hatte, die schöne Agnes Bernauer.

Im Jahr 1428 traf ein Prinz aus München, nämlich Prinz Albrecht von Bayern, in einer Augsburger Badeanstalt, so wird vermutet, die Magd Agnes Bernauer. Als er sie dort sah, verliebte er sich umgehend und heiratete sie gegen den Willen der Familie.

Unbekanntes Schloss Blutenburg - Herzog Albrecht III. und Agnes Bernauer
Unbekanntes Schloss Blutenburg – Herzog Albrecht III. und Agnes Bernauer

Albrechts Vater Herzog Ernst passte das gar nicht, er hatte Angst um die Erbfolge. So entwickelte er mit seinen Ratgebern eine Intrige, um die heimliche Ehe seines Sohnes mit der nicht standesgemäßen Agnes zu beenden.

Das Liebesnest in der Blutenburg in Obermenzing fand sein Ende am 12. Oktober 1435. Herzog Ernst ließ Agnes Bernauer in Straubing verhaften, in einem Schauprozess zur Hexe erklären und zum Tode verurteilen. Statt auf dem Scheiterhaufen starb sie in der Donau, sie wurde ertränkt. Das galt immerhin als Gnade, Scheiterhaufen war schlimmer.

Albrecht söhnte sich recht schnell mit seinem Vater aus, heiratete 1436 standesgemäß und wurde 1438 Herzog von Bayern. Herzog Albrecht ließ später sogar seine zweite Frau Anna von Braunschweig, mit der er 10 Kinder hatte, in die Blutenburg kommen. Er starb 1460 als Albrecht der Fromme.

Leben und Sterben der Agnes Bernauer werden alle vier Jahre bei den Agnes-Bernauer-Festspielen in Straubing aufgeführt, das nächste Mal 2024. Auch in die Literatur oder den Film fand der Stoff Aufnahme, Beispiele:

  • Agnes Bernauer – Ein deutsches Trauerspiel in fünf Aufzügen, von Friedrich Hebbel
  • Agnes Bernauer: Hexe, Hure, Herzogin. Roman, von Manfred Böckl
  • Agnes Bernauer, Biopic, Frankreich 1949-51, Regie: Raymond Bernard (Kritik: Ein weithin als misslungen geltender Kostümfilm)

Herzog Sigmund

Herzog Sigmund, zweitältester Sohn Albrechts, ließ in den Jahren 1488 bis 1497 die weithin bekannte Schlosskapelle errichten, ein Gesamtkunstwerk der Spätgotik, welches auch heute noch in höchster Reinheit erhalten ist. Sigismund wurde im Jahre 1467 aus der Mitregentschaft hinaus gedrängt und verbrachte auf Schloss Blutenburg ein zurückgezogenes Leben.

Unbekanntes Schloss Blutenburg - Hinweisschild auf Schloss und Kirche
Unbekanntes Schloss Blutenburg – Hinweisschild auf Schloss und Kirche

Es gibt ein Fresko von Hans Thonauer d. Ä. aus ungefähr dem Jahr 1590 im Antiquarium der Münchner Residenz, das die damalige Wehrhaftigkeit der gotischen Anlage zeigt. Wie noch heute erkennbar, war das Schloss in zwei Bereiche unterteilt: das mit vier Ecktürmen und hoher Ringmauer bewehrte Innere Schloss sowie das nicht sehr stabil wirkende Äußere Schloss mit den Wirtschaftsgebäuden und der Kapelle. Der rund um das Innere Schloss führende Wassergraben zog sich zwischen den beiden Schlossteilen hin; er war rund zwölf Meter breit. Erst später wurde als zweite Verbindung über dem Graben der heutige „Wehrgang“ angelegt, wohl als verdeckter Zugang zur Kapelle.

Unbekanntes Schloss Blutenburg - vom Liebesnest zur Bücher-Burg - Blick auf die Kirche
Unbekanntes Schloss Blutenburg – vom Liebesnest zur Bücher-Burg – Blick auf die Kirche

Anton Reichsfreiherr von Berchem

Im 16. und 17. Jahrhundert gibt es außer einigen Meldungen über Reparaturen keine nennenswerten Ereignisse. Die oftmals fälschlicherweise erwähnte Zerstörung des Schlosses durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) hat es nie gegeben.

Als der Münchner Notar Anton Freiherr von Berchem 1676 die Hofmark erwarb, war das Schloss in schlechtem Zustand. Erhebliche und teure Renovierungsarbeiten waren notwendig, die Berchem mit verschiedenen Umbauarbeiten verband.

Berchems Erben mussten jedoch wegen unsauberer Tauschgeschäfte ihres Vaters 1702 die Hofmark an den Kurfürsten Max II. Emanuel zurück geben. Dieser übertrug den Besitz seiner Gattin Therese Kunigunde, unter der bis zu ihrem Tod das Schloss letztmalig als fürstliche Residenz diente.

Das 19. und 20. Jahrhundert – Lola Montez

Damit war die glanzvollste Zeit von Schloss Blutenburg vorbei. Die Anlage verfiel zusehends. Ab 1827 wurde es als Staatsgut an Privatleute verpachtet.

Lola Montez (1955) – Wikipedia
Lola Montez

Nur einmal noch rückte Schloss Blutenburg in den Blickpunkt der Geschichte. Lola Montez verbrachte am 12. Februar 1848 die Nacht vor ihrer Abschiebung über die Grenze Bayerns in Schloss Blutenburg. Die Tänzerin hatte dem alternden König Ludwig I. vollkommen den Kopf verdreht und für erhebliche Unruhen in der Bevölkerung gesorgt. Maria Dolores Gilbert alias Lola Montez alias Gräfin Landsfeld, 1818 in Limerick geboren, starb völlig verarmt 1861 in New York.

Ab 1866 wurde das Schloss an das Institut der Englischen Fräulein verpachtet, 1957 folgten die Schwestern des Dritten Ordens vom Nymphenburger Krankenhaus. Sie nutzten den Komplex als Altersheim, gaben jedoch 1976 auf, weil es ihnen schlicht zu teuer wurde.

Heute

Die Zukunft des Schlosses war ungewiss. Schließlich wurde 1974 der Verein der Freunde Schloss Blutenburg gegründet und die Internationale Jugendbibliothek im Schloss eingerichtet. In den ehemaligen Stallungen befindet sich heute die Ausleihe für Kinder und Jugendbücher. Als Stätte der Literatur rückte damit Schloss Blutenburg in das öffentliche Bewusstsein, so dass bereits in den Jahren 1980 bis 1983 die Anlage umfassend renoviert und ausgebaut werden konnte.

Der Neubeginn als Bücher-Burg

Heute ist die Blutenburg eine Bücher-Burg! Im Schloss ist neben der Internationalen Jugendbibliothek auch die Erich-Kästner-Gesellschaft zu Hause und es gibt verschiedene Museen, sogenannte LeseMuseen: das Michael-Ende-Museum, den James-Krüss-Turm, das Erich-Kästner-Zimmer und das Binette-Schroeder-Kabinett. Literatur pur.

Im ehemaligen Schweinestall der Blutenburg findet sich die Schloss-Schänke Blutenburg mit Terrasse am See- oder Schlosshof-Terrasse. Öffnungszeiten: Mo, Mi, Do, So 10-18 Uhr; Fr+Sa bis 10-22 Uhr; Dienstag Ruhetag (außer Feiertags) 

Unbekanntes Schloss Blutenburg - Schloss-Schänke mit Terrasse zum See
Unbekanntes Schloss Blutenburg – Schloss-Schänke mit Terrasse zum See

Die Blutenburg wird für zahlreiche Veranstaltungen wie Theater und Konzerte genutzt: z. B. das Obermenzinger Dorffest, Christkindlmarkt, Lesungen oder Konzerte, Weinfest. Weitere Informationen gibt es beim Blutenburgverein, der die Erhaltung von Kulturwerten im Schloss Blutenburg und in der ehemaligen Hofmark Menzing fördert.

Unbekanntes Schloss Blutenburg – Juwel im Münchner Westen

Die Blutenburg ist ein vielen unbekanntes herrliches Ausflugsziel für München und Umgebung. Ein Spaziergang um das Schloss und seinen einstigen Burggraben herum befriedigt die Neugierde und wenn die Kapelle geöffnet ist, muss man auch dort unbedingt hinein. Leider ist das momentan wegen Corona nicht möglich.

Der weitläufige Park ist wie geschaffen zum Entspannen und Spiel auf der angrenzenden Wiese. Überall über die Anlage verstreut wurden zahlreiche bildhauerische Arbeiten aufgestellt, wodurch sich in Blutenburg Geschichte und Kunst gleichermaßen entdecken lassen. Hier gelingt tatsächlich eine Auszeit vom Alltag mitten in der Stadt München.

Unbekanntes Schloss Blutenburg - Malklasse am Wassergraben
Unbekanntes Schloss Blutenburg – Malklasse am Wassergraben

Beliebt ist die Blutenburg auch als Motiv für Fotografen oder Zeichner und Maler. Bei unserem Ausflug skizzierten viele Künstler die Burganlage. Ein kleiner Blick über die Schulter zeigte beeindruckendes Können.

Während unseres Aufenthalts war die Schloss-Schänken-Terrasse für eine geschlossene Gesellschaft reserviert und wurde gerade festlich geschmückt. Das sah sehr einladend und schön aus. Die Feier war an dem herrlichen Herbsttag sicher großartig.

Für Kinder und Schulklassen lohnt sich der Besuch des Schlosses übrigens auch an Regentagen. Sie können die Kostbarkeiten der Jugendbibliothek erforschen und zum Abschluss einen heißen Kakao oder eine kalte Limo in der Schloss-Schänke schlürfen. (Da kommt mein Beruf wieder hoch.)

Unbekanntes Schloss Blutenburg - Idylle pur
Unbekanntes Schloss Blutenburg – Idylle pur

Warst du schon einmal in der Blutenburg? Wie hat sie dir gefallen? Erzähl doch mal.

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2 Comments

  • Heidi

    Da war ich tatsächlich auch noch nicht. Es klingt sehr interessant und macht neugierig. Übrigens, – ganz tolle Fotos. Danke für die schöne Inspiration.
    Heidi

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